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Perspektiven - Kolumne von Ansgar Hörsting

von Steffen Schürg

Als Alain Resnais starb, war mir sein Name völlig unbekannt und hatte für mich keine Bedeutung. Ich sah die Abendnachrichten und ein Bild des 91-jährigen französischen Starregisseurs, der am 1. März 2014 starb. Schauspieler, die mit ihm zusammenarbeiteten, wurden interviewt. Ich  horchte auf, als ein Mann, der mit Resnais zusammengearbeitet hatte, folgendes sagte: „Resnais legte oft seinen Kopf in die Hände und schaute dich an, als seist du ein Diamant. Und das machte dich zu einem Diamanten!“

Sie fingen an zu strahlen

Was ist das für ein erstaunlicher Satz. Ich malte mir die Situation ein wenig aus. Dieser Regisseur behandelte seine Leute wie Diamanten, er sah sie so an. Er schätzte sie als wertvoll ein. Er behandelte sie so. Die Schauspieler empfanden sich selbst vielleicht ganz anders: nicht perfekt, fehlerhaft, hässlich, untalentiert. Und sie waren es vielleicht auch – mehr oder weniger. Aber durch den Umgang mit diesem Mann wurden sie verändert. Sie fingen an zu strahlen, und konnten ihr schauspielerisches Talent ganz ausleben. Das Potential, das in ihnen lag, konnten sie entwickeln. Nicht Angst bestimmte sie, sondern Freiheit. Sie konnten sich entfalten und wurden zu dem, wie sie angesehen wurden.

Nun, es wird vielleicht auch Schauspieler geben, die das anders erlebt haben. Leute, die gänzlich ungeeignet waren oder die vielleicht mal einen Konflikt mit dem Mann hatten. Das weiß ich nicht. Ich kann mir nur vorstellen, dass solche Leute am Todestag eher nicht zitiert werden. Aber davon abgesehen beschreibt der Satz doch eine ganz wunderbare Lebenserfahrung, die zumindest einige gemacht haben. Eine Lebenserfahrung, die wir auch woanders machen können.

Sorge zu sehr zu loben

Wenn sich Ehepartner auch nach 30 Ehejahren wertschätzen, sich gegenseitig Liebe zeigen, sich nicht nur „Schatz“ nennen, sondern auch wie einen Schatz behandeln und ansehen, dann werden sie unter diesem Einfluss strahlender. Und umgekehrt gilt dasselbe: ein Mensch, der immer nur das Gefühl vermittelt bekommt, nichts zu sein, nichts zu können, nicht gut genug auszusehen, der sieht dann auch sehr bald „alt“ aus.

Mir fällt das immer wieder auf, wenn Mitarbeiter gelobt werden. Wir Deutschen haben eine überbordende Sorge davor, jemanden zu sehr zu loben, denn der könnte dann ja meinen, nichts mehr lernen zu müssen. Oder wir haben Sorge, das Lob sei nicht echt. Das gibt es, dieses oberflächliche Loben, das von weitem schon nach Manipulation statt nach Wertschätzung riecht. Aber Hand auf’s Herz: Ist das unser Problem in Deutschland? Ganz sicher nicht. Unser Mangel ist wohl eher, dass wir uns zu wenig trauen, einander gutes zu sagen, Wertschätzung auszudrücken. Wir meinen sofort, der andere würde dann vielleicht stolz werden. Oder er würde dann zu wenig an seinen Schwächen arbeiten. Das ist Unsinn und gilt nur für die allerwenigsten Menschen.

Wenn Mitarbeiter gelobt werden, konkret, echt, wertschätzend, dann blühen sie auf. Das gilt mir genauso wie (fast) jedem anderen Menschen. Dazu gehört jemand, der das auch von Herzen meint! Der Satz mit dem Diamanten spornt mich an. Ich glaube, dass ich da noch viel zu lernen habe.

Gottes Liebe durchbricht den Teufelskreis

Und was ist mit Gott? Er sagte seinem Volk (Jes 43,4): „Du bist kostbar und wertgeachtet in meinen Augen!“ Das besondere der Agape, der Liebe Gottes, ist, dass sie liebt, auch wenn wir uns ganz anders verhalten, als es gut ist. Sie gilt, wenn wir Dinge tun, die nicht lobenswert sind. Die Liebe Gottes durchbricht ja gerade den Teufelskreis, der nach unten zieht. Die Liebe Gottes gilt dem Sünder (Röm 5,8). Sie trägt weg, was zerstört und kaputt macht. Gott selbst war in Jesus und versöhnte die Menschen mit sich. Es hat ihn das Wertvollste gekostet, seinen geliebten Sohn. Der starb aus Liebe. Und in diesem Sinne und darauf basierend könnte das Bild passen: Gott legt seinen Kopf in die Hände, er schaut dich und mich an und betrachtet uns wie einen Diamanten!

Zu Ostern

Passion und Ostern stehen bevor: Ich bete, dass uns die Liebe Gottes, die wir da in ihrer Einzigartigkeit feiern, aufgeht. Sie ist in Jesus, und von Jesus zu reden, werde ich nicht müde. Ich bete, dass es viele Momente in unseren Gemeinden gibt, in den wir von dieser Liebe Gottes berührt werden. Diese Momente werden uns zum Strahlen bringen.

 

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